Andreas Hess

Intellektuelle Reaktionen auf den 11. September: 

Versuch einer vorläufigen kritischen Eeinordnung

Gewerkschaftliche Monatshefte, Westdeutscher Verlag, Special Issue, 11/12 2001

Einleitung

Betrachtet man im Rückblick die intellektuellen Reaktionen auf Ground Zero, sowie die weiteren Ereignisse, die mit dem 11. September verbunden sind, so ergibt sich kein einheitliches Bild. Es gab und es existiert nachwievor beides: Verunsicherung, Überraschungen, erstaulich neue Verwerfungen, zugleich aber auch alte Kontinuitäten. Und dann gibt es noch etwas, was man bisher von Intellektuellen eher seltener erfahren hat - Schweigen. Aber selbst über das Schweigen liessen sich noch Vermutungen anstellen, denn Schweigen lässt sich in der Tat auf verschiedene Weise.

Lässt man letztere Haltung aussen vor, dann ergeben sich, schaut man sich die beiden Enden des argumentativen Spektrums genauer an, zwei Idealtypen: Das eine Ende des Spektrums (oder Kontinuums, wenn man von einer horizontalen Linie ausgeht) steht für eine ‚pro-Aktions‘ Haltung, d.h. es wird für politische und/oder militärische Aktionen argumentiert. Die Argumente sind konkret und spezifisch in dem Sinne, dass sie unmittelbar auf die Ereignisse und Zusammenhänge des 11. September reagieren – wenn auch nicht immer angemessen. Sie sind ‚kontextuell‘ jedoch nicht ‚strukturell‘ im Sinne der Erklärung und des Verstehens von Motiven, die zu den Ereignissen des 11. Septembers führten. Diese Seite des Kontinuums ist zugleich identisch mit einer bewussten ‚pro-amerikanischen‘ Haltung. Am anderen Ende des Kontinuums findet sich das genaue Gegenteil. Hier trifft man eher auf Argumente, die anti-aktionistisch sind. Das heisst vor politischen und/oder polizeilich-militärischen Aktionen, die der unmittelbaren Zuführung der Täter dienen, wird gewarnt. Betont werden vor allem strukturelle Bedingungen und Dimensionen. Es ist diese Position, die im Effekt anti-amerikanisch ist (und sei es nur aus ‚besten‘, von guten Intentionen geleiteten ‚humanistischen‘ Gründen).

Beginnt man nun mit dem Kontinuum zu operieren und versucht man, verschiedene Intellektuelle und ihre Positionen auf der horizontalen Linie zwischen den beiden Endpunkten zu lokalisieren, bemerkt man sofort, dass keine klare Verortung im Sinne von Nationalitäten, kontinentaler oder ethnischer Zugehorigkeit möglich ist. Es lassen sich keine klaren amerikanischen‘, ‚europäischen‘ oder ‚asiatischen‘ Positionen ausmachen. Trägt man die Namen der bekanntesten Intellektuellen auf dem Kontinuum zwischen den beiden idealtypischen Endpunkten ein, dann ergeben sich gleichwohl vier ‚Cluster‘. Es sind dies auf dem Kontinuum von links (pro-aktion, konkretistisch und pro-amerikanisch) nach rechts (contra-Aktion, strukturell und anti-amerikanisch): die Position der ‚soliden Westler‘, der ‚verunsicherte Liberalismus‘, die ‚larmoyante Gesellschaftskritik‘ und die ‚fundamentalistische Globalkritik‘.

 

Die soliden Westler

Den idealen Westler gibt es nicht. Wie die anderen Positionen, die im folgenden beschrieben werden, umfasst die Gruppe der ‚soliden Westler‘ einen internationalen, äusserst heterogenen Personenkreis. Die Namen, die sich in der Bundesrepublik mit dieser Position verbinden lassen, sind Richard Herzinger, Josef Joffe und Thomas Schmid (alle in der DIE ZEIT), Reinhard Mohr (Der Spiegel) und vielleicht Dan Diner (FAZ). Die Kommentare der Genannten stimmen darin überein, dass nicht nur die USA, sondern die westliche Wertegemeinschaft als Ganzes angegriffen worden ist und dass eine angemessene Reaktion auf die terroristische Tat und die terroristische Infrastruktur durchaus verständlich sind – auch wenn sich die genannten Kommentatoren auf keine gemeinsamen Vorschläge bezüglich des weiteren Vorgehens verständigen können. Die dem 11. September folgende de-facto Politik amerikanischer und internationaler Diplomatie werden entweder kritisch begleitend hingenommen (Joffe, Herzinger) oder es wird aufgezeigt, wie komplex zivile Gesellschaften funktionieren und wie schwer es ist, in asymetrischen Verhältnissen (zivil-unzivil bei Schmid, staatsbildend für die Amerikaner bei Diner) angemessen zu reagieren. Begleitet werden diese Kommentare von der Zurückweisung und Kritik des ‚grass roots‘ Anti-Amerikanismus der bundesrepublikanischen politischen Szene (Mohr, Herzinger).

In den Vereinigten Staaten und Grossbritannien ist die Gruppe der ‚soliden Westler‘ wesentlich differenzierter, obwohl Parallelen zur deutschen Diskussion auszumachen sind. Stanley Hoffmans realpolitische Analyse etwa kann man mit der Josef Joffes vergleichen, obwohl Hoffman kritischer ist, was die langfristige Gestaltung amerikanischer Aussenpolitik angeht. Tony Judt diskutiert das Problem des Antiamerikanismus, schlägt dabei aber weniger wie Mohr und Herzinger um sich, sondern nimmt sich die wirklichen Gegner vor - Bin Laden, Al-Qaida und den weiteren Sympathisantenkreis in den muslemischen Staaten. Andrew Sullivans Kommentare in der Times – Sullivan ist der Amerikakorrespondent der Zeitung - gleichen den FAZ Herausgeberkommentaren der ersten Seite zumindest in dem Sinne, dass der wirkliche Feind in der linksliberalen Intellektuellenszene ausgemacht wird. Für Sullivan sind das in den USA vor allem Susan Sontag und die feministische Linke. In das gleiche Horn stösst Henry McDonald im Guardian, obwohl sich seine Kritik nicht an die antiamerikanische Linke in den USA wendet, sondern eher an die antiamerikanische ‚irische‘ Linke (gemeint ist eigentlich nur Sinn Fein, die in der Republik Irland mit noch nicht einmal fünf Prozent Stimmen eine zu vernachlässigende Grösse sind). Diese Kritik, überraschenderweise im Flagschiff der liberalen Linken Grossbritanniens, dem Observer, abgedruckt, lässt vermuten, dass hier alte Rechnungen beglichen werden. Die Leitartikel, die in El Pais erschienen, und die sich mit der baskischen ETA befassen, stehen dem in nichts nach. Der 11. September ist nur Anlass nocheinmal nachzukarten. Suggeriert werden soll, dass ETA und das politische Wahlbündnis Euskal Herritarok politische Zwillinge von Bin Laden sind. Zudem soll suggeriert werden, dass nicht nur deren Methoden mit denen von Bin Laden und Al Queida identisch sind, sondern auch die politischen Vorstellungen. Die Intention ist natürlich, den 11. September für Zwecke zu nützen, die überhaupt nichts mit dem Ereignis zu tun haben. (Im Falle von El Pais ist das natürlich die Verteidigung der spanisch-nationalstaatlichen Position.)

Ein anderes Beispiel von zynischerAneignung des 11. Septembers finden wir ausgerechnet in England. Während Tony Blair sich als ‚Mr. President‘ und als intellektueller Ersatz für George Bush feiern liess, bemühte sich sein Transportministerium, das Dilemma der britischen Eisenbahn unter dem Eindruck des unmittelbaren Schocks an den Kunden zu bringen – ein Versuch, der in der britischen Presse heftig kritisiert wurde und das Missverhältnis von Rhetorik und Realität der Blair Regierung offenlegte.

Entgegen solchen peinlichen und kruden Versuchen nehmen sich die Kommentare anderer ‚solider Westler‘ wie Samuel Huntington und Francis Fukuyama fast wie philosophische Traktate aus. Gleichwohl lässt sich der Verdacht nicht ausräumen, dass der 11. September nur der Illustration dient - bei Huntington zum Beleg der These, dass der Clash der Zivilisationen unvermeidbar ist, bei Fukuyama, um nocheinmal die Überlegenheit des liberalen Westens zu feiern.

Eine Reihe von westlich orientierten Intellektuellen nimmt eine ähnliche ‚I-told-you-so‘ Haltung ein, wenn auch nicht aus den gleichen Gründen. So hat etwa der Nobelpreistrager V. S. Naipaul schon immer gewusst, dass der Islam Böses produziere. Vom amerikanischen Sozialphilosophen Michael Walzer – immerhin Autor eines Buches über gerechte und ungerechte Kriege - erfährt man, dass Terrorismus und seine Unterstützung immer schon schlecht waren, vermischten sie doch Mittel und Zweck. Was allerdings der Zweck des 11. Septembers war, darüber teilt weder Michael Walzer noch V. S. Naipaul den Lesern etwas mit.

Überraschenderes kommt von einer Person, die man nicht automatischerweise in die erste intellektuelle Verteidigungslinie des Westens eingereiht hätte – von Christopher Hitchens. Hitchens, bekannt als linksliberale Ikone der Zeitschrift Vanity Fair und The Nation, hat es von Mutter Theresa, über Bill Clinton bis hin zu Henry Kissinger allen schwer gemacht und gehörte bis zum 11. September eher dem extrem linken Lager an. In einem zugleich in The Nation und Guardian erschienen Artikel warnt Hitchens nun davor, die Ursachen des 11. September im ‚strukturellen Imperialismus‘ der USA zu sehen. Für ihn sind die Attentäter des 11. September ‚Faschisten mit einem islamischen Gesicht‘, und keine strukturelle Erklärungen der Ungereimtheiten westlicher Politik und der Opfer der Globalisierung kann das vergessen machen. Die Adresse dieser Kritik ist die apologetische amerikanische Linke von Finkelstein, über Howard Zinn bis hin zu Noam Chomsky, die vor allem mit den ‚stukturellen Opfern‘ der Dritten Welt sympathisiert, aber nicht ein Wort über die Opfer der New Yorker Twin Towers verliert.

Der verunsicherte Linksliberalismus

Von Hitchens, der seit dem 11. September ‚offiziell‘ dem Lager der soliden Westler angehört, hin zu der klassischen Position des Linkslibertalismus ist nur ein kleiner Schritt. Schaut man sich diesen Kreis ,verunsicherter Linksliberaler‘ genauer an, dann lässt sich feststellen, dass sich unter diesem Label die ausdifferenziertesten und komplexesten Argumente des gesamten Kontinuums versammeln. Ein anderes spezifisches Charakteristikum dieser Gruppe ist, dass man sich nicht allein auf politische Argumente beschränkt – auch wenn das politische Argument den prominentesten Platz einnimmt. Ein weiteres Merkmal ist, dass die Intellektuellen dieser Gruppe auf die Ereignisse des 11. Septembers nicht mit ‚business-as-usual‘ Argumenten aufwarten, sondern unabhängig-kritisches Urteilsvermögen zeigen – ein Urteilsvermögen, das andere Themen aufsucht und diskutiert, das aber zugleich den generellen Prozess, der mit dem 11. September ausgelöst wurde, immer miteinbezieht oder mitdenkt. Es ist, in anderen Worten ausgedrückt, eine Position, die die grösste intellektuelle Verunsicherung zeigt und Fragen stellt, ohne gleich schon die Antwort zu wissen.

Auf der journalistischen Ebene sind es vor allem zwei Namen, die für eine solches Paradigma öffentlichen Engagements stehen – Jonathan Freedland, Kolumnist des Guardian, und Fintan O’Toole, der für die Irish Times und gelegentlich auch für die New York Review of Books schreibt. Sowohl Freedlands als auch O’Tooles Beiträge behandeln das Neue und Unerwartete. Sie bemühen sich um genuines Verstehen, gleichzeitig entschuldigen ihre Versuche zu verstehen niemals. Der Unterschied zwischen Opfern und Tätern bleibt immer präsent. Freedlands und O‘Tooles Beiträge sind in hohem Masse kontextuell, ohne jedoch die Schuld in strukturellen Verhältnissen zu suchen. Individuelle und kollektive Verantwortlichkeit bleiben ihr Thema. Gleichwohl äussern beide starke Zweifel an der Afghanistan-Operation – eine Überraschung, weil beide Kommentatoren eine pro-aktionistische Haltung im Sinne der Strafverfolgung einnehmen und militärischen Operationen gegenüber nicht prizipiell abgeneigt sind. Freedland fürchtet eine ‚no-win‘ Situation, die zum grössten Teil der politisch verzwickten Lage in der islamischen Welt geschuldet ist: verstärkte militärische Aktionen des Westens provozieren Protest - einen Protest, der die nicht-demokratischen Regime in die Krise stürzt, und das in einer Zeit, wo die Koalition halbwegs stabile Ansprechpartner benötigt. Anders als Freedland befürchtet O‘Toole, dass die USA auf eine neue Art der Kriegsführung, die nicht-staatlich ist, schlecht oder kaum vorbereitet sind. Die Operation der Amerikaner und Briten in Afghanistan antwortet auf den 1. September, also auf etwas Neues im 21. Jahrhundert (Terrorismus mit Flugzeug und Scheckkarte), mit Methoden aus dem 20. Jahrhundert (‚Daisy Cutter‘).

Der verunsicherte Liberalismus ist am besten dort, wo er vom Standpunkt des westlichen Multikulturalismus den dogmatischen Islam befragt. Besonders prägnant tun dies Ian Buruma (Guardian), Andrei S. Markovits (Tagesspiegel), Salman Rushdie, Ibn Warraq (The Guardian) und Abbas Baydun (FAZ).

Ian Buruma fragt wo die liberale Stimmen der islamischen Staaten geblieben sind. Er wundert sich ganz besonders über die Beiträge des in New York lebenden ‚liberalen‘ Edward Saids in der Kairoer Journalie Al Ahram. In besagten Artikeln wimmelt es nur so von Anschuldigungen gegen die USA, die ,jüdische Lobby‘ in Amerika, ,rassistische Magazine wie New Republic‘ und die ,blutrünstigen Kolumnisten der New York Times‘. Ian Buruma fragt kritisch, was wohl ein junger Araber denke, wenn er von solch ‚schlechten‘ Nachtichten eines in New York lebenden arabischen Intellektuellen erfahre. Andrei S. Markovits stellt ähnlich kritische Fragen an deutsche Islamexperten.

Das beste Argument gegen den dogmatischen Islam kommt jedoch von jemandem, der seit Jahren zu seinen Verfolgten gehört: von Salman Rushdie. In zwei Beiträgen im Guardian erinnert uns der Schriftsteller daran, was das Leben im Westen so lebenswert macht und was Bin Ladens Anhängern und dem dogmatischen Islam als die reine Sünde gilt: Küssen in der Öffentlichkeit, Schinkenbrötchen, Widerspruch, Literatur, Generosität, Filme, Musik, Ästhetik und Liebe. Weniger ‚kulturell‘, dafür aber mehr politisch argumentieren Ibn Warraq und Abbas Baydoun, die an die Krise arabischer Intellektueller erinnern und im besten aufklärerischen Sinne anmahnen, dass auch im islamisch-arabischen Kulturkreis eine Debatte über Moderne und Demokratie überfällig ist.

Als relativer Neuankömmling in New York und als Langzeitverfolgter und Bedrohter ist die lebensbejahende Stellungnahme eines Salman Rushdie verständlich. Weniger direkt, jedoch keineswegs weniger lebensbejahend ist auch eine Reihe von weiteren Artikeln anderer New Yorker. Die Rede ist hier von Kommentaren von entweder in New York lebenden oder von aus New York stammenden Intellektuellen - wie im Fall der Sozialwissenschaftler Todd Gitlin und Richard Sennett -, als auch von Beiträgen von regelmässigen Besuchern, wie dem bekannten Historiker Simon Schama und dem Schrifsteller Ariel Dorfman. All die die Genannten sind sich darin einig, dass es nicht einfach ist nach den schrecklichen Ereignissen vom 11. September wieder so etwas wie Normalität zurückzugewinnen. Jedoch berichten sie alle von dem enormen Attraktivität New Yorks, von seinem pulsierendem Leben, von seiner Offenheit, kurz: von dem was das Leben im Westen lebenswert macht.

Doch die Verunsicherung, vielleicht sogar Angst oder Furcht, der durch die Ereignisse des 11. September überraschend radikalisierten Risikogesellschaft bleiben trotz solcher ‚Mutmacherartikel‘ im Bewusstsein und werden so schnell nicht zum Verschwinden zu bringen sein. Es sind allerdings nur wenige Intellektuelle, die das Thema generelle Verunsicherung und politisches Unbehagen auch adäquat zum Ausdruck bringen können. Ariel Dorfman, ehemaliger Berater der Allende Regierung, versucht dies mit einem Hinweis auf 11.9.1973, dem Jahrestag des Chile Putsches. Anders als andere frühere Antiimperialisten demonstriert Ariel Dorfman keine Schadenfreude - im Gegenteil. Dorfman zeigt, dass die Suche nach Gerechtigkeit im Kontext historischer Erfahrung von Ungerechtigkeit unteilbar ist. Für ihn sind Pinochet und Bin-Laden eins, nicht Georg Bush und Bin Laden.

Auch der amerikanische Politikwissenschaftler Jeffrey C. Isaac warnt vor problematischen und unhistorischen Imperialismusanalysen. Isaac wundert sich über den Zynismus eines Noam Chomsky, der einem absoluten, ‚strukturellen‘ Gerechtigkeitsanspruch folgt, indem alle Opfer kontextlos d.h. ‚gleich‘ sind. Anthony Barnett und Susan Richards, beide Herausgeber der Website openDemocracy, gehen sogar noch weiter als Isaac. Sie fragen, ob kritische Beobachter, Intellektuelle, Journalisten und Kommentatoren überhaupt noch offen seien für Unvorhergesehenes. Haben nicht bereits viele Intellektuelle ihren Geist bereits aufgegeben und liefern nur noch Plattitüden ab?

So berechtigt die Kritik Barnetts und Richards zu sein scheint, nicht alle Intellektuellen sind denkfaul. Auf verschiedene Weise haben so unterschiedliche linksliberale Geister wie Hans Magnus Enzensberger und Susan Sontag unvohergesehen reagiert. Während Enzensberger nach dem 11. September seine kritischen Depeschen aus dem Iran (!) schreibt, hat Susan Sontag in aller Öffentlichkeit ihre erste Stellungnahme revidiert und festgestellt, dass sie sich in einem Lernprozess befinde – eine Nachricht und Geste, die Schriftstellerkollegen wie Günter Grass oder Arundhati Roy niemals untergekommen wäre.

Larmoyante Gesellschaftskritik

Mit der Gruppe Intellektueller, die hier unter der Bezeichnung ‚larmoyante Gesellschaftskritik‘ zusammengefasst wird, betreten wir ambivalentes Gelände. Diese Gruppe ist vor allem deshalb problematisch, weil sich in dieser Konstellation die meisten Personen befinden, deren professionelle Zugehörigkeit das Verstehen und Erklären gesellschaftlicher, politischer und/oder kultureller Verhältnisse nahelegt; gleichwohl sind es ausgerechnet die Mitglieder dieser Gruppe, die sich konzeptuell gesehen im Stillstand befindet und scheinbar immun ist, was die Wahnehmungsfähigkeit des Neuen und Unerwarteten angeht. Es ist diese Gruppe für die die Bezeichnung ‚business as usual‘ wirklich zutrifft. Gleichwohl muss diese Gruppe von den dogmatischen und fundamentalistischen Globalanalytikern (die im nächsten Abschnitt behandelt werden) unterschieden werden: sie haben sich, im Unterschied zu den Fundamentalisten, einen Anschein von Realismus bewahrt und verfügen letztendlich noch über ausreichend Selbstreflexivität und intellektuelle Reserven, um nicht dem Dogmatismus oder dem Fundamentalismus zu verfallen. Ihre Kritik ist aber immerhin als larmoyant zu bezeichnen im Sinne des Desinteresse am Neuen, das den 11. September kennzeichnet. Zugespitzt formuliert, der 11. September ist für die larmoyante Form der Gesellschaftskritik nur die Bestätigung des jeweiligen gesellschaftlichen Paradigmas.

Beginnen wir mit zwei New Yorkern, Richard Goldstein und Mike Davis. In einem Artikel für die Village Voice zeigt Richard Goldstein den typisch linkliberalen Reflex. Besorgt um eine Generation von linksliberalen Aktivisten – vermutlich will der Autor die jungen Globalisierungsgegner ansprechen, denen Vietnam und der Kampf um zivile Bürgerrechte wenig sagt -, kann man Goldsteins Artikel als Versuch der Frühwarnaufklärung sehen. Goldstein zeigt mehr Interesse an einem potentiellen McCarthyismus und unitärem Patriotismus als am Geschehen des 11. Septembers selber. Da nicht klar ist, warum radikale Kritik hier und jetzt notwendig ist (woran genau?), wird es zum reinen Selbstzweck, d.h. Kritik um der Kritik willen.

Einer solchen Haltung steht Mike Davis um nichts nach. Davis treibt die Angst vor der Kontrollgesellschaft, die alle Kritik erstickt, sogar soweit, dass bei ihm ein Anflug von Paraoia zu verspüren ist. Er sieht die grösste Gefahr der letzten 50 Jahre darin, dass unschuldige Menschenleben und Amerikas bürgerliche Freiheiten auf dem Spiel stehen. Davis verliert dabei kein einziges Wort über die unschuldigen Opfer des 11. September. In einem weiteren Artikel prohezeit der Apokalyptiker sogar noch mehr: wie ein Naturgesetz wird Amerikas Krieg aus der Kontrolle geraten.

Dass Amerika wohlmöglich selber schuld ist, ist die These von Banjamin Barber, einem der angesehensten amerikanischen politischen Theoretikers. In einem Interview mit DER ZEIT sieht sich Benjamin Barber in seiner These bestätigt, dass Jihad und McWorld, Fundamentalismus und nivellierender Kapitalismus, Coca Cola und heiliger Krieg miteinander verhakt sind. Das eine, so Barber, brauche das andere. Der an der Yale University Soziologie lehrende Brite Paul Gilroy formuliert es noch prägnanter und betitelt seinen Kommentar mit der Überschrift „The American Jihad". In besagtem Artikel sieht der Autor einen Zusammenhang zwischen dem Vorurteil gegen ,die anderen‘ (vermutlich sind damit die Verdammten dieser Erde und der islamische Kulturkreis im besonderen gemeint) und der ‚indifferenten Konsumzivilisation‘ New Yorks. So bemerkt der wortgewaltige Autor bei einem postapokalyptischen Rundgang duch Manhatten, dass man „wesentlich mehr Material entdecken könne, das die moralische Glaubwürdigkeit der glitzernden, indifferenten Konsumkultur hinterfage und das eben jenen Horror zu trivialisieren scheint, ja diesen als letzte Bestätigung des Barbarentums der weit entfernten ‚anderen‘ ansieht". Auch an Kritik am fehlenden umfassenden Sozialstaat mangelt es nicht. So bemerkt Gilroy, dass es Hinweise gebe auf die Ungleichbehandlung der überlebenden Opfer. Am Ende findet Gilroy trotz Wohlfahrtsstaatskritik und Wortakrobatik zu sich selber und bestätigt Benjamin Barbers These von dem Kampf Jihad vs. McWorld – nur dass der Amerikanische Jihad für Gilroy noch grösser oder umfassender ist als bei Barber.

Doch Hoffnung, dass der ,korrupte Westen‘ noch lernen kann besteht, und in diesem Sinne mangelt es nicht an liberaler Selbstkritik. Es ist als hätte die Guardian Kolumnistin Madeleine Bunting die Mahnung ihres Landsmann Gilroy voll internalisiert. Verantwortlich für die Malaise der Welt ‚der anderen‘ und insbesondere des islamisch-arabischen Kulturkreises ist nicht mehr die Nicht-Existenz demokratischer Strukturen, sondern – der westliche Liberalismus! Aber damit nicht genug, auch das Christentum, ja alle Bewohner des Westens werden strukturell mitschuldig. Unter Berufung auf den Vordenker des Britischen Multikulturalismus, den in Hull lehrenden Politikprofessor Bhikhu Parekh, notiert Bunting, dass wir alle Gefangene unserer kulturell geprägten Subjektivität seien. Politisch eine selbststilisierte Anhängerin liberaler Ideen erhofft sich Bunting am Ende einen ,wahren‘ Liberalismus, so dass politischer Raum geschaffen werden könne zwischen der moslemischen Welt und dem Westen – eine wahrhaftig neue Definition der ‚politischen Mitte‘. Mary Kaldor, Friedensaktivistin und Professorin der London School of Economics, steht diesem Vorschlag wohlwollend gegenüber. In ihrer Vision des dritten Weges muss die Zerstörung des World Trade Centers als Katalysator herhalten für eine neue kooperative Welt.

Mit dem Stichwort ‚kooperative Welt‘ sind wir bei grösseren Vorhaben angelangt, und hier schlägt die Stunde der wirklichen Gesellschafstheoretiker. Zygmunt Bauman fragt, wo das Verständnis für die Leute bleibe, die den Terrorangriff bejubelten. Für ihn ist die Logik der Attentäter leicht dechiffrierbar. Amerika ist das Symbol der Globalisierung. Die drei angesteuerten Ziele in den USA waren die Säulen wirtschaftlicher, militärischer und politischer Vorherrschaft. Am Ende seines Beitrags schlägt daher Baumann nichts geringeres vor, als eine gerechte Verteilung Welt. In dasselbe Horn stösst der französiche Gesellschaftstheoretiker Alain Touraine. Auch für ihn ist Amerika der reale Gobalisierungsgewinner. Um die Gefahr des Clashes zu mildern, schlägt Touraine eine stärkere Rolle Europas vor, ein Europa, in dem Macht weniger zentralisiert wäre als in den USA.

Von einer ganz anderen Ecke kommt Tom Nairn, dem gegenwärtig in Australien lehrenden Cheftheoretiker des Nationalstaates und des Nationalismus. Ihn geht es auch um mehr globale Gerechtigkeit; nur für ihn gibt es eine wichtigen Zwischenschritt. Um mehr Gerechtigkeit besonders in der muslemischen Welt zu erreichen, bedarf es einer soliden Fundierung des Nationalstaates. Schaut man aber konkret auf die Landkarte, dann gibt es in der arabisch-muslemischen Welt nur ein Projekt, auf das die Idee der Nationalstaatsbildung zutrifft – und das ist Palästina. Nairn hält nicht zurück: würde ein demokratischer Palästinansischer Staat existieren, wäre es nicht zum 11. September gekommen. Leider verliert Nairn kein Wort darüber, dass keiner der Attentäter und des sie unterstützenden Netzwerks einen palästinensischen Hintergund hatte. Die Attentäter und ihr Netzwerk entstammten alle den wohlhabenden und gebildeteren Schichten etablierter arabischer Staaten: Saudi Arabien, Algerien, und Ägypten, alles Staaten, die den Nationalstaatsbildungsprozess hinter sich haben – allerdings ohne Demokratie erlangt zu haben.

Während es Nairn mehr um die politische Dimension zu gehen scheint, werben andere Intellektuelle für mehr Verständnis gegenüber dem kulturellen Islam. Was dies allerdings mit dem 11. September zu tun hat wird nicht klar. Eher sind solche Einmischungen durchtränkt von einem unpolitischen diffusen ‚warum-können-wir-nicht-einfach- miteinander-auskommen? Die Guardian Kolunnistin Yasmin Alibhai-Brown versucht es es mit einem allgemeinen Appell gegen Vorurteile und Vorurteilsbildung; und der in Frankreich lebende Schriftsteller Tahar Ben Jalloun will ein neues Buch schreiben: „Papa, was ist der Islam?". Erstaunlich ist an diesen Positionen nur, dass sie die tolerante Haltung vom Westen erwarten. Warum solche Positionen nicht von Saudi Arabien und den anderen muslemisch-arabischen Staaten eingeklagt wird, bleibt schleierhaft. Das eben ist das Larmoyante an den Vertretern der larmoyanten Gesellschaftskritik. Es geht ihnen um die Bestätigung des eigenen Gesellschaftbildes – nicht um den 11. September und ob diese Ereignisse wohlmöglich eingefahrene Denkmuster hinterfragen.

Fundamentalistische Globaldenker

Anders als die larmoyanten Gesellschaftskritiker, die den 11. September nur als Illustration benutzen, ist die Gruppe der fundamantalistische Globaldenker nicht nur gegen jeden Einspruch oder jedes bessere Argument immun, diese Gruppe hatte schon vor dem 11. September ein unerschütterliches Glaubenssystem. Im Unterschied zur vorhergehenden Gruppe bestätigt das, was in der Welt geschieht, nicht nur das bereits Geglaubte, sondern die Ideologie selber prägt die Wahrnehmung – ein 360 Grad Argument im Sinne der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Der Effekt ist natürlich, dass diese Gruppe wiederum nur die bereits Überzeugten, die ‚Gläubigen‘ anspricht.

Die intellektuell-isolationistischen britischen Vordenker sind hier besonders prominent vertreten. Die Position der britischen Intellektuellen kann man als Pendant zum postimperialen Overstrech ihres Primeministers Tony Blair sehen. Im Brustton der Überzeugung und mit dem britisch-ideologischen Rückenwind diktaturfrei durch die Moderne gekommen zu sein, spricht diese Gruppe aus, was sie als Wahrheit empfindet. So ruft Tony Benn mit weiteren acht Parlamentsabgeordneten im Guardian erneut zum Tourismus- und Warenboykott gegen Israel auf. Die illustre Liste zeigt neben den Signaturen von Benn und den erwähnten acht Parlamentariern eine breite Unterstützungsfront, angefangen von der britischen Linken, so u.a. von den Altmaxisten Alex Callinicos, der ,Red Pepper‘ Herausgeberin Hilary Wainwright und der Schauspielerin Emma Thompson, über Hanan Ashrawi, den pakistanischen Politiker und ehemaligen Cricketspieler Imran Khan, bis hin zu John Pilger, dem Nahostkorrespondenten verschiedener britischer Zeitungen.

Dem Fundamentalanspruch globaler Gerechtigkeit stehen andere nicht nach, seien es die immergleichen Kommentare des in New York lebenden palästinensischen Literurwissenschaftlers Edward Said, die strukturellen Aufrechnungen eines Noam Chomsky, die Globalissierungskritik der ‚No Logo‘ Autorin Naomi Klein, oder die poststrukturalistische Psychoanalyse eines Slavoj Zizek.

Gleichwohl, den Höhepunkt des Fundamentalismus findet man aber nicht in Grossbritannien, nicht in den USA, sondern in einer deutsch-indischen Koproduktion. Der Schrifstellerin und Anti-Staudamm Aktivistin Arundathi Roy blieb es vorbehalten alle Unterschiede zwischen Demokratie, Dikatatur und Terrorismus zu verwischen. Für sie sind die USA selbst für den alten und neuen Feind selbst verantwortlich: „If it doesn’t find its enemy, for the sake of the enraged folks back home, it will have to manufacture one". Übertroffen wird Roy nur noch von deutschen Varianten desselben Argumentes bei ihren Schrifstellerkollegen Christopher Hein, Botho Strauss, Günter Grass und dem Kirchenmann und Friedensfreund Friedrich Schorlemmer. Die Popularisierungsversuche der Royschen Argumentation durch Ulrich Wickert, die zahlreichen Leserbriefe im Guardian und im Spiegel zeigen wie populär und weitverbreitet solche Erklärungen wirklich sind. Aber diesen letzten Schritt vom fundamentalistischen Globaldenker hin zu seiner Popularisierung unter ‚Halbgebildeten‘ (Adorno) nachzuvollziehen oder beschreiben zu wollen, kann nicht Aufgabe dieser kleinen Phänomenologie sein. Die Büchse der Pandora ist bereits halb geöffnet.

Abwanderung, Widerspruch, Loyalität und Möglichkeitsinn

In einer vorläufigen kritischen Einordnung wurde hier versucht, die Diskussionen und den Streit in eine gewisse konzeptuelle Schematik zu zwängen. Die leitende Frage dabei war und ist, inwieweit es Intellektuellen gelingt, auf Unvohergesehenes zu reagieren. Angesichts der internationalen Mischverhältnisse in der Diskussion macht die Diskussion um den allgemeinen Zusammenhang von ,Abwanderung‘, ,Widerspruch‘ und ,Loyalität‘ und ,Möglichkeitssinn‘ (Albert O. Hirschman) aber nur begrenzt Sinn. Wenn es generell zutrifft, dass Loyalität Widerspruch ermöglicht und Abwanderung begrenzt, dann haben wir es mit dem 11. September und den Reaktionen auf das Verbrechen mit einer Ausnahmeerscheinung zu tun. Abwanderung vom Symbol Amerika gibt es in der Tat en masse, zumindest bei den Intellektuellen im Westen (siehe die Reaktionen der ‚larmoyanten Gesellschaftswissenschaftler‘ und die der ,fundamentalistischen Globalkritiker‘). Auf der anderen Seite hat Loyalität, die ein Anerkennen der Errungenschaften des Westens vorraussetzt, in der Tat Widerspruch ermöglicht, doch ist es nur eine kleine Gruppe von verunsicherten Liberalen, die den Idealen der westlichen Aufklärung und den wirklichen Intentionen (Urteilskompetenz!) treu geblieben ist. Die Gruppe der ‚soliden Westler‘ gehört zwar praktisch dazu, stagniert jedoch mit wenigen Ausnahmen im intellektuellen Sinn. Wie auch immer, all solche Unterscheidungen müssen verblassen und sind in gewissen Sinne banal angesichts der im wahrsten Sinne des Wortes unerhörten Ereignisse, die für eine lange Zeit mit dem Datum des 11. September verbunden bleiben werden.

Andreas Hess, University College Dublin. a.hess@ucd.ie